Bei einem Kreislaufschock zählt jede Minute. Schwere Infektionen, großflächige Verbrennungen oder traumatische Verletzungen können dazu führen, dass lebenswichtige Organe nicht mehr ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt werden. Allein in der EU und den USA sind jährlich mehr als 500.000 Menschen betroffen. Die Sterblichkeitsrate innerhalb der ersten 30 Tage liegt zwischen 30 und 50 Prozent. Trotz erheblicher Fortschritte in der Intensivmedizin konzentriert sich die Behandlung bislang vor allem darauf, den Kreislauf zu stabilisieren und die Organfunktionen aufrechtzuerhalten. Gezielte Therapien, die an den zugrunde liegenden biologischen Mechanismen ansetzen, fehlen weitgehend.
Hier setzt das neue EU-Forschungsprojekt CURE-SHOCK an. Unter der Koordination des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) untersucht ein internationales Konsortium einen neuartigen, biomarkerbasierten Behandlungsansatz. Im Mittelpunkt steht der monoklonale Antikörper Invobenitug, der vom deutschen Biotechnologieunternehmen 4TEEN4 Pharmaceuticals entwickelt wurde. Mit rund acht Millionen Euro Förderung aus dem europäischen Forschungsrahmenprogramm Horizon Europe soll seine Sicherheit und Wirksamkeit bei Patientinnen und Patienten mit septischem, verbrennungsbedingtem oder traumatischem Schock untersucht werden.
Der Wirkstoff richtet sich gegen das Enzym zirkulierende Dipeptidylpeptidase 3 (cDPP3). Dieses gelangt bei Zellschädigungen verstärkt in den Blutkreislauf und wird mit schweren Herz-Kreislauf-Störungen und Organversagen in Verbindung gebracht. Invobenitug soll eine übermäßige Aktivität des Enzyms neutralisieren und damit gezielt in die Krankheitsmechanismen eingreifen. Mithilfe eines Schnelltests zur Bestimmung des cDPP3-Spiegels sollen zudem diejenigen Patientinnen und Patienten identifiziert werden, die besonders von der Behandlung profitieren könnten. Der Ansatz wird im Rahmen einer multizentrischen klinischen Studie in Deutschland, Polen und der Ukraine untersucht.
Öffentliche Forschungsförderung trifft auf privates Biotech-Investment
CURE-SHOCK ist auch aus Innovationsperspektive bemerkenswert: Anders als viele klassische Forschungsprojekte setzt das Vorhaben bei einer Technologie an, die bereits weit über die frühe Entwicklungsphase hinaus ist. Invobenitug befindet sich bei 4TEEN4 Pharmaceuticals bereits in der klinischen Entwicklung. Erst kürzlich konnte das Unternehmen in einer Series-C-Finanzierungsrunde mehr als 64 Millionen Euro privates Kapital einwerben, um sein klinisches Entwicklungsprogramm weiter voranzutreiben.
Mit CURE-SHOCK kommt nun ein weiterer wichtiger Baustein hinzu: Die europäische Forschungsförderung ermöglicht es, klinische und akademische Partner gemeinsam mit dem Biotechnologieunternehmen in eine internationale Forschungskooperation einzubinden und den Therapieansatz in einem breiteren klinischen Kontext zu untersuchen.
Auch für EURICE steht das Projekt exemplarisch für eine Entwicklung, die im eigenen Gesundheitsportfolio zunehmend an Bedeutung gewinnt: Forschungskooperationen, in denen wissenschaftliche Erkenntnisse, klinische Validierung und kommerzielle Entwicklung eng ineinandergreifen.
„CURE-SHOCK zeigt eindrucksvoll, wie sich öffentliche Forschungsförderung und privates Investment ergänzen können, um vielversprechende Innovationen auf dem Weg in die klinische Anwendung voranzubringen. Mit seinem innovativen Ansatz und der erfolgreichen Einwerbung privaten Kapitals ist 4TEEN4 Pharmaceuticals zugleich ein herausragendes Beispiel für die dynamische Biotech-Szene im Innovationsökosystem Berlin und Umgebung“, erklärt Jakob Haardt, Leiter des EURICE-Standorts in Berlin. „Unsere Aufgabe geht dabei über die reine Kommunikation der Forschungsergebnisse hinaus. Indem wir relevante Akteure frühzeitig einbinden und die Verbreitung und Verwertung der Projektergebnisse von Beginn an mitdenken, wollen wir dazu beitragen, dass aus belastbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen langfristig neue Perspektiven für die klinische Praxis entstehen.“
Die strategische Bedeutung des Vorhabens wurde auch auf europäischer Ebene anerkannt: CURE-SHOCK erhielt das STEP-Siegel (Strategic Technologies for Europe Platform) der Europäischen Kommission. Die Auszeichnung würdigt Projekte, die einen Beitrag zu Europas strategischen Technologieprioritäten leisten. Im Fall von CURE-SHOCK unterstreicht sie insbesondere das Potenzial des Projekts, Europas biomedizinische Innovationskraft, technologische Souveränität und Widerstandsfähigkeit gegenüber kritischen Gesundheitsbedrohungen zu stärken.
EURICE wird das Projekt in den kommenden Jahren gemeinsam mit den klinischen, wissenschaftlichen und industriellen Partnern begleiten und insbesondere die Vernetzung mit relevanten Akteuren aus Medizin, Innovation und Politik vorantreiben. Ziel ist es, die im Projekt gewonnenen Erkenntnisse über das Konsortium hinaus sichtbar und zugänglich zu machen und so die Voraussetzungen für ihre mögliche spätere Anwendung in der klinischen Praxis zu verbessern.
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